CreativeEconomies

Mapping the Creative Economies

Neuer Ansatz: Creative Economy Bodenseeregion

Weil längst bekannt ist, dass es kreative Berufe auch ausserhalb der Teilmärkte gibt, werden für den Bodenseeraum als zweiter statistische Zugang erstmals Branchen- und Berufsstatistiken gekreuzt und damit das Feld der sogenannten Creative Economy S.  24 umfasst. Auf diese Weise wird die Makrobetrachtung mit dem bereits eingeführten Branchenansatz der Kreativwirtschaft S.  17 um die Dimension der ausgeübten Berufe der Akteure auf der Mikroebene erweitert. Den aktuellsten verfügbaren Daten zufolge waren im Jahre 2015 in der Region 270 000 Erwerbstätige – umgerechnet 4,6 Prozent der Gesamtwirtschaft – in kreativen Berufen tätig. Die Resultate zeigen auch, dass jeder dritte Kreativ-Berufstätige ausserhalb der definierten Kreativ-Industrien angesiedelt ist.

Der 2015 von der Innovationsstiftung Nesta London veröffentlichte Report Creative Economy Employment in the EU and the UK präsentierte zum ersten Mal international vergleichbare Statistiken zur Creative Economy in der EU-Region. Der von Nesta London entwickelte Ansatz fokussiert auf die Tätigkeiten bzw. Berufe innerhalb der Kreativwirtschaft. Diesem Vorgehen liegt die Vermutung zugrunde, dass kreative Berufe auch ausserhalb der Kreativwirtschaft zu finden sind: «This methodology is based on the theoretical and empirical argument that the creative industries are ‹those industries that specialise in the employment of creative talent for commercial purposes› (Bakhshi, Hargreaves and Mateos-Garcia, 2013) – that is, have unusually high proportions of their workforce employed in creative occupations (‹creative intensity›).»1

In der Methodologie des «dynamic mapping» der Innovationsstiftung Nesta2 wird zuerst ein Set von sogenannten kreativen Berufen bzw. Tätigkeiten bestimmt («creative occupations»). Anschliessend werden alle Branchen der Wirtschaft auf deren Anteil an diesen kreativen Berufen hin analysiert («creative intensity»). Diejenigen Branchen, welche einen bestimmten Mindestanteil an kreativen Berufen und Tätigkeiten ausweisen, werden dann als «creative» bezeichnet, der Rest als «non-creative».3 Schliesslich wird nach dem Creative-Trident-Ansatz4 die Beschäftigung berechnet. Die Beschäftigung der Creative Economy ergibt sich dabei durch die Summe der Erwerbstätigen der Creative Industries und aller kreativen Jobs in anderen Branchen («embedded»).

In Anlehnung an das DCMS 5 lässt sich das Konzept grafisch wie folgt darstellen:

​Employment in the Creative Economy, Bodenseeregion, 2015 Abb.  1 S.  25

Die Creative Economy besteht somit aus drei Gruppen von Erwerbstätigen:

  1. Non–specialists (support): Erwerbstätige, die in einer kreativen Branche einem nicht-kreativen Beruf nachgehen, etwa eine Buchhalterin in einem Verlag
  2. Specialists: Erwerbstätige, die in einer kreativen Branche einen sogenannten kreativen Beruf ausüben, beispielsweise ein Tänzer in einem Ensemble oder eine Journalistin, die für eine Tageszeitung schreibt
  3. Embedded: Erwerbstätige, die einen «kreativen Beruf» in einer Branche ausserhalb der Creative Industries haben, etwa eine Game-Designerin bei einem Finanzdienstleister.

Erwerbstätige

Mit diesem Bericht wird dieser Ansatz zum ersten Mal auf die länderübergreifende Bodenseeregion angewendet.6 Basierend auf den Berufs- und Branchen-Klassifikationen gemäss DCMS und Nesta London werden mit dem European Union Labour Force Survey (EU-LFS) die Creative Economy der Bodenseeregion und ihre drei Komponenten (erwerbstätig als «specialist», «non-specialist» und «embedded») berechnet bzw. geschätzt 7.

Tab.  1 zeigt die Erwerbstätigen in der Creative Economy der Bodenseeregion für das Jahr 2015. Im Jahr 2015 arbeiteten in der Bodenseeregion rund 458 000 Personen in der Creative Economy. Etwa zwei Drittel davon (285 000) sind in den Creative Industries erwerbstätig, während ein Drittel (173 000) einem kreativen Beruf ausserhalb der Creative Industries in der breiter definierten Creative Economy nachgeht («embedded»).

Betrachtet man nur jene Personen mit einem kreativen Beruf, die sogenannten Creative Occupations (271 000), verdienen sogar etwa zwei Drittel von ihnen (173 000) ihr Geld ausserhalb der Creative Industries. Die Zahlen können auch in Form des Creative-Trident-Modells dargestellt werden, mit den Branchen in den Spalten und den Berufen in den Zeilen.

Ergänzend zeigt die Darstellung in Tab.  2 den Bezug zur Gesamtwirtschaft der Bodenseeregion. Es wird deutlich, dass die Erwerbstätigen der Creative Economy, die sich aus der Summe der drei hinterlegten Felder ergeben, rund einen von zehn Jobs (% of total employment = 9,6 %) in der Bodenseeregion ausmachen.

Die für die gesamte Creative Economy der Bodenseeregion errechneten Werte lassen sich für einzelne Branchengruppen ausweisen.

Die meisten Erwerbstätigen sind in den Branchengruppen IT, software and computer services (96 000), Architecture (88 000) sowie Publishing (79 000) zu finden.

Tab.  3 zeigt, dass für die Creative Industries das Verhältnis zwischen «specialists» und «non-specialists» unterschiedlich ausfällt. Während für das Segment Music, performing and visual arts der Anteil der «specialists» überwiegt, ist das Verhältnis bspw. für das Segment Architecture umgekehrt.

Ähnliches zeigt sich für das Verhältnis zwischen Creative Industries und «embedded». Während der hohe Wert für Design activities (50 000 «embedded» im Vergleich zu 8000 innerhalb der Creativ Industries) darauf hinweist, dass diesbezügliche Berufe dezentral in den Unternehmen angesiedelt und stark ausserhalb der Designbranche zu finden sind, kann der vergleichsweise niedrige Wert für die Kategorie Architecture (6000 «embedded» im Vergleich zu 82 000 innerhalb der Creativ Industries) umgekehrt gelesen werden. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um erste Interpretationen, welche im Austausch mit Branchenkennern vertieft werden müssen.

(…)

Regionale Bedeutung und Konzentration

Die Creative Economy ist besonders bedeutend (LQ > 1.4) für die Region Zürich. Der Anteil der Creative Economy Employment an der Gesamtwirtschaft ist in der Region Zürich (% of total employment  =  16,8 %) fast doppelt so gross (LQ = 1.7) wie im Gesamtraum der Bodenseeregion (9,6 %).

Restliche Bodensee-Regionen: In der Region Ostschweiz (% of total employment = 10,9 %, LQ = 1.1) ist der Anteil leicht über, in den restlichen Regionen Vorarlberg (8,3 %, 0.9), Tübingen (7,8 %, 0.8), Freiburg (7,3 %, 0.8) und Schwaben (7,2 %, 0.7) unter dem Gesamtraum der Bodensee-Regionen (9,6 %, 1).

Der Anteil der Creative Economy Employment an der Gesamtwirtschaft ist in der Region Zürich (% of total employment = 16,8 %) fast doppelt so gross (LQ = 1.9) wie im Gesamtraum der DACHLI-Regionen (8,9 %).

Die Creative Economy ist besonders bedeutend (LQ > 1.4) für die Regionen Zürich (% of total employment = 16,8 %, LQ = 1.9), Berlin (16,1 %, 1.8), Hamburg (15,7%, 1.8), Wien (15,2 %, 1.7), Oberbayern (13,1 %, 1.5), Nordwestschweiz (13,0 %, 1.5), Région lémanique (12,6 %, 1.4).

Weitere Konzentrationen (LQ 1.2 bis 1.4) zeigen sich in Ticino (12,1 %), Zentralschweiz (11,9 %), Darmstadt (10,9 %), Ostschweiz (10,9 %).

Restliche Bodensee-Regionen: In der Region Ostschweiz (% of total employment = 10,9 %, LQ = 1.2) ist der Anteil leicht über, in den restlichen Regionen Vorarlberg (8,3 %, 0.9), Tübingen (7,9 %, 0.9), Freiburg (7,3 %, 0.8) und Schwaben (7,2 %, 0.8) unter dem Gesamtraum DACHLI-Regionen (8,9 %, 1.0)

Der Anteil der Creative Economy Employment an der Gesamtwirtschaft ist in der Region Zürich (% of total employment = 16,8 %) fast doppelt so gross (LQ = 1.9) wie im Gesamtraum der dargestellten EU-Region (8,6 %).

Die Creative Economy Employment ist besonders bedeutend (LQ > 1.4) für die Regionen Inner London – West (% of total employment = 28,1 %, LQ = 3.3), Inner London – East (24,2 %, 2.8), Stockholm (20,8 %, 2.4), Helsinki-Uusimaa (19,4 %, 2.5), Oslo og Akershus (17,3 %,2.0), Outer London – West and North West (16,9 %, 2.0), Utrecht (16,8 %, 2.0), Zürich (16,8 %, 1.9), Outer London – South (16,7 %, 1.9), Berkshire, Buckinghamshire and Oxfordshire (16,4 %, 9), Berlin (16,1 %, 1.9), Hamburg (15,8 %, 1.8), Noord-Holland (15,6 %, 1.8), Praha (15,6 %, 1.8), Surrey, East and West Sussex (15,4 %, 1.8), Île de France (15,3 %, 1.8), Wien (13,0 %, 1.8), Oberbayern (16,7 %, 1.5), Nordwestschweiz (13,0 %, 1.5), Région lémanique (12,6 %, 1.5), Sydsverige (12,2 %, 1.4), Ticino (12,1 %, 1.4), Bedfordshire and Hertfordshire (12,1 %, 1.4).

Restliche Bodensee-Regionen: Region Ostschweiz (% of total employment = 10,9 %, LQ = 1.3), Vorarlberg (8,3 %, 1.0), Tübingen (7,8 %, 0.8), Freiburg (7,9 %, 0.9), Schwaben (7,2 %, 0.8) und Gesamtraum der dargestellte EU-Regionen (8,6 %, 1.0)

  1. Bakhshi, Hasan / Hargreaves, Ian / Mateos-Garcia, Juan: A Manifesto for the Creative Economy. Nesta, London 2013.
  2. Vgl. Bakhshi, Hasan / Freeman, Alan / Higgs, Peter: A Dynamic Mapping of the UK’s Creative Industries. Nesta, London 2013.
  3. Für die detaillierte Klassifizierung der Creative Occupations (ISCO-Codes) und der Creative Industries (NOGA-Codes) siehe Anhang.
  4. Higgs, Peter / Cunningham, Stuart / Bakhshi, Hasan: Beyond the Creative Industries: Mapping the Creative Economy in the United Kingdom. Nesta, London 2008.
  5. Department for Digital, Culture, Media and Sport: Creative Industries Economic Estimates: January 2015. DCMS, London 2015.
  6. Vgl. Page, Roman / Weckerle, Christoph (2018): Creative Economy Switzerland. In: Schiller, Janine (Hg.): Unternehmerische Strategien für eine «Positive Ökonomie» – 3rd Creative Economies Report Switzerland 2018. Zürich, S.  81–86, sowie www.creativeeconomies.com
  7. Achtung: Da die Branchenklassifizierung im EU-LFS nur auf höherer Aggregationsstufe (NACE3 statt NOGA4) verfügbar ist, sind die Zahlen der Creative Economy Bodenseeregion nicht 1:1 mit den Werten in den Kreativwirtschaftsberichten für die Schweiz 2016 und 2018 vergleichbar.

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