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Entrepreneurial strategies – Insight #1 (in German)

Gründerin im Allgäu

Gründerin im Allgäu

Verena Dorn (*1981) lebt und arbeitet dort, wo sie geboren und aufgewachsen ist: in der kleinen Gemeinde Kimratshofen bei Altusried im Oberallgäu. Zwar ging sie nach Beendigung ihrer Schulzeit und ihrer Ausbildung zur Bürokauffrau für mehrere Jahre nach München, um dort ein Studium in Mode- und Kommunikationsgrafik zu absolvieren. «Doch ich merkte bald, dass ich an meiner Heimat, der Landschaft, meinen Freunden und meiner Familie hänge.» Im Sinne einer «Heimkehrerin» hat Dorn ihre Erfahrungen und Eindrücke aus der Grossstadt mit nach Hause genommen. Und vielleicht ist es dieser erweiterte Blick, der den Wunsch auslöst, in ihrer Heimat etwas zu bewirken. So stellt sie bereits im Rahmen des Privaten fest, wie sehr die Lebensmodelle ihrer Peergroup von der sonst im Allgäu vorherrschenden, eher isolierenden Attitüde von «mein Haus, mein Garten, meine Garage, mein Zaun» abweichen: «Ich habe kaum noch Freunde, die heiraten, ein Häusle bauen oder die Rollen traditionell verteilen, sobald Kinder da sind.»

Dreifache Geschäftsführerin

Dorn beschreibt sich als Umsetzerin: «Ich agiere gerne schnell, habe klare Vorstellungen und null Berührungsängste.» Mit Ausnahme ihrer Lehrlingszeit war sie nie angestellt. Ihre erste Firma, ein Modelabel, gründet sie mit Anfang Zwanzig nach dem Studium – heute betreibt sie drei Firmen in den Bereichen Kunsthandwerk und Kommunikationsdesign. «Die Formalitäten für die Gründung sind easy – die Bedingungen, ohne Einlage oder Startkapital, risikofrei. Zudem hatte ich nie Angst davor, mich selbst zu organisieren.» Dorn übt also mehrere Tätigkeiten parallel aus und erlebt dieses hybride Modell als positiv: Es erlaubt ihr eine Arbeits- und Lebenspraxis, die sie selbstständig organisieren kann und die ihr Flexibilität ermöglicht. Vor allem aber erlaubt ihr die Konstruktion als mehrfache Unternehmerin, nach ihren Werten zu leben. Und die nennt sie ohne jedes Zögern: «Freiheit, Verantwortung, Mut und Risikobereitschaft, aber auch finanzielle Eigenständigkeit und ein guter Umgang miteinander.»

Das erste Mal in der Produktion

Das berufliche Hauptstandbein bildet ihre älteste Firma, die 2008 gegründete Strategie- und Grafikagentur Die Lösung. Diese betreibt sie alleine. Mit wiederkehrenden Aufträgen von Kunden aus der gesamten Region Allgäu steht Die Lösung auf soliden Beinen. Ihr 2016 gegründetes Gewerbe Echt Dufte hingegen befindet sich noch in der Wachstumsphase. Die Idee zur Gründung entstand am Küchentisch – ihr Partner, ein Produktdesigner und heutiger Mitgesellschafter ihres Unternehmens, ermunterte sie: «Unser Kind war gerade drei Monate alt, als mein Partner mich darauf brachte, aus einem Säckchen mit Allgäuer Heu, das ich für einen Kunden als Give-Away-Artikel realisiert hatte, ein Geschäftsmodell zu machen. So, wie es auch Berliner Luft in Dosen zu kaufen gibt …» Inzwischen entwickelt und vertreibt die GbR Echt Dufte über sechzig Wohlfühl-Produkte, vornehmlich im Direktvertrieb via Onlineshop. Touristen und Liebhaber von Selbstgemachtem können sich mit nach Bergwiese, Zirbe, Verbene, Lavendel oder Zeder duftenden Säckchen, Augen- und Schlafkissen sowie Aromasprays das Allgäu nach Hause holen.

Alternative Konsum- und Arbeitsmodelle

Dass Dorn das Unternehmen entlang nachhaltiger Produktionsbedingungen entwickelt, habe sich «ohne grosses Überlegen ergeben»: die Rohstoffe sind regional und in Bio-Qualität, mit der Fertigung beauftragt sie Mütter und Rentnerinnen aus der Region. «Dass ich meine Dienstleisterinnen fair bezahlen kann, ist das oberste Gebot. » Gerade weil Dorn mit Echt Dufte «von Produktmustern über Verpackung und Marketing alle Register ziehen» darf, hat sich das Projekt zu einem «Herzensprojekt » entwickelt. Lustvoll experimentiert sie damit, Werte wie fair, regional, biologisch und nachhaltig in Produktion und Produkte zu übersetzen – um am Ende im besten Fall alternative Modelle für Konsum und Arbeit in ihrer Region etabliert zu haben. «Dass ein solches Produkt dann aus guten Gründen etwas teurer ist, muss der sparsame Allgäuer allerdings erst noch begreifen.» Die zurückhaltende Kaufkraft und Haltung der Allgäuer empfindet Dorn hierbei eher als Ansporn denn als Risiko. «Solange ich über dem Mindestlohn bezahlen kann, wird diese Firma weiter existieren.»

Qualität bündeln

Von gleichermassen idealistischen Motiven geprägt ist die Gründung Dorns dritter und jüngsten Firma Formkraft Allgäu: Seit 2017 baut sie ein Netzwerk aus Allgäuer Kreativschaffenden und eine Plattform zur Wissensvermittlung mit Workshops, Vorträgen und Exkursionen auf. Dorns erklärtes Ziel ist, ein Bewusstsein für die Arbeitsqualität und Kompetenz zu schaffen, die in der Region vorhanden ist: «Viele hier denken, man müsse nach München oder Stuttgart fahren, um Gestaltungskompetenz und qualitätvolle Produkte zu bekommen.» Dabei gibt es diese Ressourcen auch abseits der Grossstädte. Dorn zieht den Vergleich zu anderen Regionen, in denen Kreativschaffende selbstverständlich in wirtschaftspolitische Entwicklungsprozesse einbezogen werden, um ihr Know-how für Stadtentwicklung oder Lebensraumgestaltung beispielsweise als Juroren bei Wettbewerben einzubringen. «Aus dem Allgäu, für das Allgäu» lautet der Slogan jenseits jeglicher Heimattümelei, unter dem ihr Vorhaben steht.

Gründerzentren in der Region

Im Nebeneffekt testet Dorn mit Formkraft Allgäu neue Formen der Arbeit und Vernetzung für die Kreativschaffenden selbst. «Ich möchte zeigen, dass sich Wissen, Kompetenz und Ressourcen über lokale Grenzen hinweg bündeln lassen, sei es für einen gemeinsamen Messeauftritt oder projektbezogene Zusammenarbeit.» Dies ist ein Wagnis in einer Region wie dem Allgäu, das sich mit Ortsteilen, Dörfern, Kleinstädten und der innerdeutsch als provinziell wahrgenommenen Stadt Kempten bislang in analogen, lokalen und eher isolierten Kontexten organisiert. «Die Idee eines kollaborativen und auch generationenübergreifenden Miteinanders muss in dieser Region erst angestossen werden.» Hierfür steht auch die Gründervilla, ein Startup Hub & Innovationsnetzwerk in der «Allgäuer Metropole» Kempten, Modell. Das Haus bietet Gründern und Freelancern Raum, Innovationsservice, Community – und damit Vernetzung und Kooperation. «Ich halte es langfristig für notwendig, dass die Leute sich wieder stärker füreinander verantwortlich fühlen und zusammenrücken. Aus dieser Haltung kann viel Gutes entstehen, glaube ich.»

Flexible Organisation der Arbeit

Übrigens erlaubt die slashartige Verbindung ihrer beruflichen Initiativen und privaten Überzeugungen, auch ihr Arbeitsvolumen unabhängig, flexibel und selbstbestimmt zu organisieren: Um die Wachstumsphasen von Formkraft Allgäu und Echt Dufte zu bewerkstelligen, reduziert sie ihre Arbeitszeit für Die Lösung derzeit auf ein Minimum. «Ich betreue nur mehr meine Stammkunden und vermittle sämtliche Neukunden an Formkraft Allgäu. Die Kreativen haben für diese mittelständisch geprägte Region allerhand zu bieten und ich will sie nachhaltig und gut aufstellen.» Da bleibt als Risiko nur noch das «gesellschaftlich so verpönte Scheitern». Doch Scheitern, und das weiss Dorn nach fast 20 Jahren Selbstständigkeit und einigen Gründungen, macht klüger, erfahrener und «die nächste Gründung umso erfolgreicher».

Interview: Katharina Nill, Text: Janine Schiller, Katharina Nill

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www.echtdufte.de
www.formkraft-allgaeu.de